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Nachfolge in Familienunternehmen
Mutter und Managerin
Viele deutsche Frauen sind keine „Heimchen am Herd“. Besonders Powerfrauen bringen hierzulande Erziehung der Kinder und Beruf unter einen Hut. In immer mehr deutschen mittelständischen Familienunternehmen kommen die Töchter der Patriarchen sogar in Top-Positionen.
Zum 1. März 2006 übernahm Bettina Würth, die Tochter des 70jährigen "Schraubenkönigs" Reinhold Würth, den Beiratsvorsitz und damit den Firmenvorsitz der Würth-Gruppe. Der Unternehmensbeirat ist das oberste Überwachungs- und Kontrollorgan des Weltmarktführers in Befestigungs- und Montagetechnik aus dem fränkischen Künzelsau. Er überwacht und berät die operative Geschäftsführung in Fragen der Strategie und genehmigt die Unternehmensplanung sowie die Verwendung der Finanzmittel. Darüber hinaus bestellt der Beirat die Mitglieder der Konzernführung, der Führungskonferenz sowie die Geschäftsführer der umsatzstärksten Gesellschaften.
Der bisherige Beiratsvorsitzende und Vater von Bettina Würth, Professor Dr. h. c. Reinhold Würth, der begeisterter Flieger ist und seinen Altersruhesitz in Quinta do Lago an der Algarve hat, hatte den Wechsel an der Spitze des Beirats des international operierenden Familienunternehmens mit weltweit rund 51.000 Mitarbeitern bereits im November 2005 angekündigt. Schon 1994 hatte sich Reinhold Würth selbst aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und den Beiratsvorsitz übernommen. Er fungiert nun als Ehrenvorsitzender des Beirats und bleibt Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrates.
Die 44jährige Powerfrau, Bettina Würth (44), ist bereits seit 2001 Mitglied der Konzernführung der Würth-Gruppe. Die vierfache Mutter ist kein „Heimchen am Herd“ und begann 1984 als Auszubildende bei Würth. Ihre Karriere führte sie über mehrere Stationen, unter anderem als Verantwortliche für Vertrieb, Produkt und Marketing der Division Bau sowie die Regionen Nord und Ost der Adolf Würth GmbH & Co. KG, bis in die Konzernführung der Würth-Gruppe. In dieser Position war sie seit 2001 verantwortlich für 95 Unternehmen in 46 Ländern. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die strategische Vertriebs- und Personalplanung.

Auch der Großaktionär des Anlagenbauers Dürr, Dr.-Ing. E. h. Heinz Dürr (73), bereitet den Generationswechsel vor. Auf der Bilanzpressekonferenz im März 2006 teilte der im SDax gelistete Konzern mit, dass Dürrs Tochter Alexandra in den zwölfköpfigen Aufsichtsrat einzieht. Am 24. Mai 2006 entschied das dann die Hauptversammlung des Konzerns.
Alexandra Dürr ist eine von drei Töchtern des ehemaligen AEG-Chefs und Primus der Deutschen Bundesbahn und seiner Ehefrau Heide. Die 43jährige Powerfrau ist Ärztin an der Neurogenetischen Klinik des Departement de Genetique, Hopital de la Salpetriere, Paris und Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Neurogenetik INSERM (Institut National de la Santé et de la Recherche Medicale) U679, Hôpital de la Salpêtrière, Paris. Sie hat in den Bereichen Medizin und in der Humangenetik promoviert.
Der Einzug von Alexandra Dürr in das Kontrollgremium ist ein Signal dafür, dass die Familie Dürr weiter zum Unternehmen steht.
 
Auch die 45jährige Nicola Leibinger-Kammüller ist seit November 2005 Vorsitzende der Geschäftführung und damit Chefin des Maschinenbauers Trumpf. Spekuliert wurde schon seit vielen Jahren über die Nachfolgeregelung, schließlich wurde Berthold Leibinger im November 2006 75 Jahre alt.
 
Zum Erstaunen der von Männern geprägten Branche entschied sich der Chef von Europas größten Hersteller von Werkzeugmaschinen Berthold Leibinger nicht etwas für seinen Sohn Peter Leibinger, der Maschinenbauer und zuständig für den Geschäftsbereich Lasertechnik ist, oder seinen Schwiegersohn Mathias Kammüller, der promovierter Maschinenbauer und Chef der Sparte Werkzeugmaschinen ist, als Nachfolger, sondern für seine Tochter Nicola Leibinger-Kammüller.
Nicola Leibinger-Kammüller ist ebenfalls kein „Heimchen am Herd“. Als Mutter von vier Kindern widmet sie sich der Erziehung ihrer Kinder zwischen acht und 17 Jahren und gleichzeitig dem Beruf. Sie hat bereits die Unternehmenskommunikation des Unternehmens geleitet. Seit 1992 ist sie Geschäftsführerin der Berthold Leibinger Stiftung. Sie ist weder Ingenieurin noch Betriebswirtin, statt dessen hat sie Germanistik, Anglistik und Japanologie studiert.
Die Branche hat sie als ewige Geschäftsführerin der Berthold-Leibinger-Stiftung betrachtet, weil sie sich kulturell, sozial und kirchlich stark engagiert. Doch in den Augen der Familiengesellschafter war sie gerade deshalb die erste Wahl: Nach Berthold Leibingers Meinung sind die politischen, ökonomischen und philosophisch-ethischen Grundsätze, nach denen das Unternehmen Trumpf geführt werden soll, bei einer Frau besser aufgehoben. Zwar ist das Unternehmen weit weniger männerdominiert, als es die Branche vermuten lässt: Bei Trumpf in Deutschland sind 18 Prozent der Mitarbeiter Frauen und Mütter. Bei den Führungskräften ist der Anteil der weiblichen Beschäftigten mit 23 Prozent sogar noch höher.

Auch an der Spitze der sauerländischen Privatbrauerei Warsteiner steht ab dem Jahre 2007 eine Frau. Denn spätestens dann soll die Tochter des derzeitigen Firmenchefs Albert Cramer, Eva-Catharina Cramer (29), die Geschäfte übernehmen.
Weniger Glück beim Vater hatte allerdings die Kaufhaustochter Helga Breuninger. Sie wäre gerne Chefin des Stuttgarter Kaufhaus Breuninger geworden, über dem ihr Name prangt. Aber mit dem Kaufhaus hat sie nicht mehr viel zu tun. Als ihr Vater, der Kaufhauskönig Breuninger, seine Nachfolge bestimmte, dachte er nicht im Traum an seine Tochter Helga. Er wollte ihren Bruder als Nachfolger haben. Doch der starb bei einem Lawinenunglück. Statt das Unternehmen in der Familie zu lassen, hob der Vater daher einen Fremden auf den Thron. Die Tochter wurde nicht gefragt.
Wie bei vielen Familienunternehmen, war die Nachfolge auf dem Chefsessel auch bei der Familie Breuninger, wie generell das Thema Tod und Sterben, immer ein Tabuthema. Und Helga Breuninger hätte nie gewagt, dies zu durchbrechen. Resigniert suchte sie nach anderen Lebensaufgaben. Vergessen konnte die heute 56-jährige Psychologin diese Schmach aber nie. Mit einem kleinen Team aus Wirtschafts- und Marketingexperten berät sie deshalb heute Familienunternehmen in Sachen Nachfolge. Mit der Beratungsfirma successio hat sich auf die Beratung und Begleitung von Familien und ihren Unternehmen beim Generationswechsel spezialisiert. Denn hier geht es um wichtige Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen. Im Mittelpunkt stehen dabei folgende Fragen:
Kann und soll die Einheit von Eigentum und Führung in der nächsten Generation beibehalten
werden?
Ist das Unternehmen mit seinen Produkten, Dienstleistungen, Kunden und Mitarbeitern zukunftsfähig aufgestellt?
Gibt es Nachfolger aus der Familie?
Wie und von wem werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet?
Wie und wann soll die Übergabe stattfinden?
Was wird wie und wann im Unternehmen kommuniziert?
Was geschieht mit solchen Familienmitgliedern, die zwar wollen, aber nicht geeignet sind?
Wie findet man einen fremden Nachfolger, wenn es keinen familieneigenen gibt?
Wie und für welche Aufgaben bleibt der Senior im Betrieb erhalten?
Welche gesellschafts- und erbrechtlichen Regelungen sind zu treffen und wie können hohe Steuerbelastungen vermieden werden?
Was ist zu tun, wenn keine Kinder da sind?
Der Beratungsbedarf bei der Nachfolgeplanung ist sehr hoch. Denn wirtschaftliche und persönliche Motive überlagern sich in vielfältiger Weise. Eine Beratung erfordert daher, wie eine Trauerberatung, viel psychologisches Know-How, Einfühlungsvermögen und Erfahrung, spezialisierten juristischen Sachverstand. Hinzu kommen einschlägige Branchenkenntnisse und wirtschaftliche Kompetenz.
Helga Breuninger ist Diplom-Volkswirtin und promovierte Psychologin. Für ihre Beratung hat sie so genannte Succesio Tests entwickelt, um die Fähigkeiten von potenziellen Firmenerben und Firmenerbinnen zu ergründen.
Pro Jahr suchen schätzungsweise 70.000 erfolgreiche mittelständische Unternehmen einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Die damit verbundenen volkswirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen sind von hoher Bedeutung.
Viele mittelständische Unternehmer verdrängen allerdings, wie das Thema Tod und Sterben, die Nachfolge und die Nachfolge- Debatte. „Auf die Frage der Nachfolge haben die meisten Chefs keine Antwort“, warnt Professorin Anna Nagl. Im Schnitt dauert ein Generationswechsel aber fünf Jahre. Nach einer von der Hochschule Aalen und der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern durchgeführten Studie unter 4720 Firmenlenkern stellte sich heraus, dass 52 Prozent der über 60-Jährigen sich nicht ernsthaft um Nachfolger kümmern. Bei den 55- bis 59-jährigen sind es sogar 71 Prozent.

Ziel der Studie war, herauszufinden, in wie vielen Unternehmen, in denen die Nachfolge ansteht, diese bereits geklärt ist, in wie vielen sie noch ungeklärt ist und was die konkreten Probleme sind, die eine Nachfolgeregelung erschweren oder gar scheitern lassen. Angeschrieben wurden alle 4.210 oberbayerischen Unternehmen, deren Inhaber, Komplementäre oder geschäftsführende Gesellschafter zwischen 55 und 65 Jahre alt waren. Es handelt sich bei dieser Studie also um eine Vollerhebung für Oberbayern. Zusätzlich wurden aber weitere 510 Unternehmen einer nach dem Zufallsprinzip ausgewählten deutschlandweiten Kontrollgruppe befragt. Der Rücklauf betrug über 10 Prozent: 448 Fragebögen aus Oberbayern und 55 Fragebögen deutschlandweit, das sind 503 Fragebögen. Für eine Umfrage zu einem so sensiblen Thema ein überraschend hohes Ergebnis, was die Relevanz dieses Themas bestätigt.
Die Ergebnisse der bundesweit befragten Kontrollgruppe zeigen, dass die Erkenntnisse der Studie für die ganze Bundesrepublik gelten. Die Studie ist erhältlich bei: anna.nagl@htw-aalen.de. Die Schutzgebühr beträgt 90 Euro.
Auch findet nur rund 40 Prozent der knapp 70.000 Unternehmer, die pro Jahr in Deutschland ihre Firma übergeben, den Nachfolger oder die Nachfolgerin unter den eigenen Kindern. Jeder Zehnte Firma wird an einen Mitarbeiter übergeben, knapp 17 Prozent an eine Führungskraft von außerhalb.
Nur etwa jedes zehnte Familienunternehmen wird von einer Tochter übernommen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat, nicht zuletzt angesichts der Diskussion über das Elterngeld und mehr Kinder in Deutschland, daher die exemplarische Teilstudie „Familiendynamik in Familienunternehmen: Zur Unternehmensnachfolge durch Töchter“ vergeben, die Nachfolgeprozesse in der Konstellation "Übergabe vom Vater an die Tochter" analysiert und auswertet. Die Ergebnisse sollen als Fortbildungsmaterial für Berater und Beraterinnen in der Unternehmensnachfolge zur Verfügung gestellt werden. Ziel ist eine geschlechtersensible Nachfolgeberatung.
Familienbeziehungen und Geschäftsbeziehungen stehen in Wechselwirkung zueinander und sind oft so miteinander verwoben, dass eine Unterscheidbarkeit nicht möglich ist. Die Mobilisierung des wirtschaftlichen Potenzials von Frauen in der Unternehmensnachfolge ist daher auch von besonderer gesellschaftspolitischer Relevanz. Nach Ansicht der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, gilt es zur Unterstützung und Förderung einer rechtzeitigen Unternehmensübergabe, die Betriebsnachfolge „als besondere Form der Existenzgründung insbesondere auch für Frauen attraktiv zu machen“.

Die Ergebnisse der Studie hat die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, in einer Dokumentation zusammenfassen lassen, die im Sommer 2006 als Publikation des Ministeriums veröffentlicht wurde. Die Teilstudie wird durchgeführt vom Institut für Sozialforschung und Sozialpsychologie der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl.
Generell ist die Regelung der Nachfolge für viele Unternehmen zum Problem geworden. Denn oft sind die Kinder nicht mehr daran interessiert, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Entweder weil sie nicht bereit sind, so viel Zeit, Energie und Nervenstress aufzuwenden wie das ihre Eltern ihr Leben lang getan haben oder weil sie die Zukunft des Unternehmens nicht positiv einschätzt.
Darüber hinaus verdrängen viele Unternehmer die Nachfolgedebatte. In vielen Fällen besteht nicht einmal ein Testament, obwohl jeder weiß, welche absolute Katastrophe es sein kann, wenn das Schicksal des Betriebes in Händen einer großen Erbengemeinschaft liegt. Die Nachfolgeregelungen ist nach Auffassung von Bundesjustizminister Brigitte Zypries dabei keine Altersfrage, sondern auch eine juristische Frage. Gerade für Unternehmer sollte es selbstverständlich sein, einen Notfallplan für den Fall des Falles in der Schublade zu haben, damit die Unternehmensübergabe nicht zum Desaster wird.
Helmut Zermin
Erschienen in „GmbH Geschäftsführer - Erfolgreich wirtschaften und entscheiden“
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